„Ihr werdet noch im hohen Alter gemeinsam auf der Bank vorm Altersheim sitzen.“

35 Jahre Bank

Ein Interview mit Diana und Emmanuelle, die seit 35 Jahren befreundet sind.

Auf Twitter habe ich vor einigen Jahren Diana und Emmanuelle kennengelernt und fand ihre französischen Dialoge und kleinen Insider-Witze in 140 Zeichen so spannend, dass ich unbedingt mehr über die beiden erfahren wollte – und ich kann sagen: Es hat sich gelohnt nachzufragen, denn das Ganze ist noch viel besser geworden, als ich es mir erhoffte! Voilá, mein erstes Interview auf The Colorful Life, viel Spaß mit Diana und Emmanuelle, die zwar nicht mehr beieinander wohnen, aber im Innersten vereint sind.

Erzählt mal was aus eurer Kindheit, wie und wo seid ihr aufgewachsen?

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Diana, 44, lebt mit ihrer Familie am Niederrhein

Diana: Ich bin in Beirut/Libanon geboren. Mein Vater ist Libanese, meine Mutter war Deutsche mit Wurzeln in Polen. Meine Eltern sind sehr häufig umgezogen, vor meiner Geburt und auch danach. Ich bin aber bis zu meinem neunten Lebensjahr im Libanon aufgewachsen, wir sind dort auch diverse Male umgezogen und wegen der Kriegssituation zwischendurch auch nach Deutschland geflüchtet (abenteuerlich im Auto mit zwei Familien – doch das ist eine andere Geschichte), sind aber dann wieder zurückgegangen und haben bis 1982 in Tripoli, Nord-Libanon gelebt. Danach mussten wir erneut flüchten, sind wieder nach Deutschland gekommen und geblieben.

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Emmanuelle, 44, lebt mit ihrem Mann in München

Emmanuelle: Ich bin sehr unspektakulär in Simmern auf dem Hundsrück geboren. Meine Eltern hatte in der Gegend ein Ferienhaus gekauft und da ich früher auf die Welt kam als geplant wurde nichts daraus, dass ich, wie meine Schwestern, in Frankreich geboren wurde. Ich bin in Bonn groß geworden und dort gab es damals eine sehr große und aktive frankophone Gemeinschaft bestehend aus Menschen aus allen Ländern, in denen Französisch gesprochen wird und in der meine Mutter heute noch sehr aktiv ist. Dadurch war ich zwar physisch in Deutschland, aber immer in dieser französischsprachigen Blase.

Darum twittert ihr beide so selbstverständlich auf Französisch?

Emmanuelle: Meine Mutter ist Französin und mein Vater ist Deutscher, so dass ich beide Staatsbürgerschaften und Sprachen sozusagen von Anfang an mitgenommen habe, wobei anfangs wenig bis kein Deutsch. Mein Vater spricht perfekt Französisch (besser als meine Mutter Deutsch) und Zuhause wurde fast ausschließlich Französisch gesprochen. Ich habe sehr spät erst angefangen Deutsch zu denken und noch später dann auch zu schreiben.

Diana: Berufsbedingt mussten meine Eltern oft umziehen, so dass sie eine Schule suchten, die es überall auf der Welt gibt und die immer dem gleichen Standard unterliegt und deren Abschluss international anerkannt wird. Die Deutsche Schule in Beirut war zu weit weg, aber in Tripoli gab es ganz in der Nähe eine gute Französische Schule, die wählten sie dann für mich. Im Libanon ist Französisch, neben Arabisch, Amtssprache und fast alle Libanesen sprechen einigermaßen gut Französisch. Ähnlich wie in Marokko. Also lernte ich ab dem Kindergartenalter Französisch zu sprechen, zu lernen, zu denken, zu träumen. Sehr lange war es meine erste, dominanteste Sprache, inzwischen spreche ich so viel Deutsch, dass sich meine Wahrnehmung etwas verschoben hat. Dennoch lese ich einen Roman immer viel lieber und mit mehr Leichtigkeit auf Französisch oder verstehe abstrakte Zusammenhänge besser, wenn ich beispielsweise einen Text dazu auf Französisch lese.

Wo und wie habt ihr euch überhaupt kennengelernt?

Diana: Wir haben uns im Dezember 1982 in Bonn kennengelernt. Auch dort gab es eine Französische Schule für Kinder von Diplomatenfamilien aus aller Welt. Meine Eltern haben den Wohnort bewusst gewählt, damit ich, sollten wir zurückgehen können, keine schulischen Lücken habe. Emmanuelles Mutter war damals stellvertretende Schulleiterin und hat mit meinem Vater die Anmeldungsformalitäten erledigt. Sie mochten sich auf Anhieb sehr und haben vereinbart, dass Emmanuelle und ich uns schnell kennenlernen sollten, damit ich eine Freundin in der neuen Schule habe. Der Plan ist aufgegangen.

Emmanuelle: Durch meine Mutter wusste ich, dass ein neues Mädchen in der Mitte des Schuljahres dazu kommen würde. Und ich war sehr gespannt, weil meine Mutter sagte, dass ihr Vater so nett war (was er wirklich ist, ein toller Mensch!).

War es Liebe auf den ersten Blick?

Diana: Ehrlich gesagt, kann ich mich nicht an die erste Begegnung erinnern. Es war alles ganz schön viel für mich. Außerdem war sie zunächst in meiner Parallelklasse. Vermutlich war es eher die Konstante, die wir teilten. Die anderen Kinder um uns herum kamen und gingen und wir haben, mit einigen anderen, eine verschworene Gemeinschaft gebildet, die tatsächlich auch noch bis heute mit vielen besteht. Mit Emmanuelle war die Freundschaft jedoch stärker. Wir haben in der Schule immer Deutsch gesprochen, eine Art Geheimsprache, und wir hatten die gesamte Schulzeit über „unser Ding“, d.h. Spiele, Gespräche, Treffen, u.v.m., das wir nicht teilten. Ich habe schon oft darüber nachgedacht, was sie so sehr für mich – und das bis heute – von anderen unterscheidet. Auf den ersten Blick sind wir nämlich ziemlich verschieden und viele wundern sich vielleicht über unsere Freundschaft.

Emmanuelle: Wir haben uns schon von Anfang an gut verstanden, aber ich war wahrscheinlich, wie heute noch oft, zu schnell und wollte Diana unbedingt sofort alles zeigen. Ich glaube, das war ihr einfach zu viel. Ausserdem waren wir im ersten Halbjahr nicht in der gleichen Klasse, daher haben sich andere Freundschaften schneller aufgebaut. Da es eine hauptsächlich von Diplomatenkindern besuchte Schule war, war es sehr üblich, dass die meisten Kinder nicht lange blieben. Wir schon. Wir waren einfach über die Zeit immer füreinander da. Außerdem war Diana eine der wenigen, die zu mir standen als ich gemobbt wurde. Dafür bin ich ihr immer noch dankbar.

Diana: Der Grund warum Emmanuelle für mich „the One“ war, ist wahrscheinlich eine gewisse Loyalität und Treue, ihre scharfe Intelligenz und ihr Witz. Sie ist und war nie angepasst, war nicht bei jedem beliebt und hat(te) Ecken und Kanten, die ich aber gerade besonders an ihr mag. Hinzu kam, dass ihr Elternhaus mir sehr gut gefiel. Ich habe mich immer sehr willkommen gefühlt und war von der recht intellektuellen Atmosphäre, den Freiheiten, die wir hatten, den Tischgesprächen und den vielen Büchern begeistert. Außerdem sieht Madame R. etwas aus wie Simone de Beauvoir, sehr beeindruckend und auch in ihrem Muttersein prägend für mich.

Meine Mutter sagte mal „Ihr beiden? Ihr werdet noch im hohen Alter gemeinsam auf der Bank vorm Altersheim sitzen.“ – das haben wir fest vor!

Wie lange seid ihr jetzt befreundet?

Diana: Seit Dezember 1982, also 35 Jahre.

Emmanuelle: Ist das nicht wunderbar?

Was schätzt ihr an der anderen?

Emmanuelle: Alles. Diana ist einfach eine unglaublich offene und vielseitige Person. Ich kann so viel von ihr lernen. Sie hat auf viele Dinge einen anderen und neuen Blickwinkel der einfach sehr bereichernd ist. Sie ist reflektiert und sieht auch Aspekte, die ich gerne ignorieren möchte. Sie zwingt mich aus meiner Konfortzone. Außerdem lästert sie nie und das ist einfach toll.

Diana: Besonders ihren Esprit! Aber auch ihre Intelligenz, ihre Fähigkeit „Schwamm drüber“ zu sagen, Klartext zu reden, aber trotzdem sehr liebenswürdig zu sein, ihre Gastfreundschaft, Herzlichkeit und Großzügigkeit.

Wie sieht euer Leben heute aus?

Diana: Wir leben ganz unterschiedliche Leben. 600 km trennen uns. Emmanuelle in der Stadt, ich auf dem Land, sie mit Mann, Vollzeitjob und Politik, ich mit Familie, freiberuflich und mit vielen Projekten. Aber wir respektieren den Lebensweg der anderen. Sie wird von meinen Jungs angehimmelt, besonders weil sie ein Geek ist und Star Wars mag. Ein großes Glück ist auch, dass unsere Partner sich mögen und wir als Paare uns gut verstehen.

Emmanuelle: Wir leben in zwei Welten. Diana hat Kinder und einen sehr sozialen Beruf irgendwo in der Pampa, ich bin ein Dinki in München. Diana ernährt sich vegan und geht achtsam durch die Welt – und ich drehe Makeupvideos.

Das ändert aber nichts daran, dass wir uns einfach wichtig sind. Und ich keine wichtige Entscheidung treffen würde ohne sie vorher zu fragen. Sie hatte auf mein Leben einen unglaublich großen und meistens positiven Einfluss und hat mich vor vielen Fehlern bewahrt. Ohne sie wäre ich wahrscheinlich unglücklich in Frankreich verheiratet mit einem erzkonservatien Langweiler, hätte drei Kinder und würde sonntags nach der Kirche Kuchen verkaufen.

Seht ihr euch noch oft? Wie haltet ihr Kontakt?

Emmanuelle: Wir sehen uns viel zu selten, aber irgendwie ist jedesmal dieses Gefühl da, als sei es gestern gewesen. Leider telefonieren wir selten. Obwohl sie mir immer sagt, dass es nicht so ist, habe ich Hemmungen anzurufen, weil ich befürchte zu stören und irgendetwas Wichtigeres zu unterbrechen. Ich habe wahrscheinlich einfach ein falsches Bild des Alltags mit (hochintelligenten) Kindern.

Diana: Wir sehen uns gelegentlich. Dieses Jahr schon zwei Mal! Emmanuelle und ihr Mann haben uns auf ihre Urlaubsroute gesetzt und wir haben auf dem Rückweg aus Italien eine Pause in Bayern gemacht. Eine Zeit lang haben wir täglich telefoniert, dann kamen bei mir die Kinder und bei ihr die politisch aktive Zeit, außerdem neue intensivere Freundschaften in unseren Wohnorten, sodass wir nicht mehr die primäre Ansprechpartnerin der anderen sind. Das vermisse ich manchmal sehr. Aber wenn mich etwas stark beschäftigt, rufe ich sie an. Twitter ist derzeit unser unmittelbarster Austausch im Alltag.

Liebe Emmanuelle, liebe Diana! Ich danke Euch sehr für dieses Interview, es ist das erste auf meinem Blog und genauso, wie The Colorful Life sein soll. Ich glaube fest daran, dass Ihr später gemeinsam vorm Altersheim sitzt und käme gerne auf ein Tässchen Tee oder Kaffee vorbei.

Beitragsbild: Gratisography

 

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